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Teaser-Kritik: Neuromancer

Teaser-Kritik: Neuromancer

The sky above the port was the color of television, tuned to a dead channel.

Normalerweise schreibe ich keine Kritiken zu Trailern. Und erst recht nicht zu Teasern, die meistens ohnehin nur aus ein paar bedeutungsschwangeren Bildern, schnellen Schnitten und einem dröhnenden Soundeffekt bestehen.

Aber hierfür mache ich eine Ausnahme. Apple TV’s „Neuromancer“.

Seit ich vor Jahren zum ersten Mal gehört habe, dass William Gibsons „Neuromancer“ als Serie verfilmt werden soll, bin ich skeptisch.
Nicht ein bisschen skeptisch. Nicht dieses vorsichtige „Na ja, schauen wir mal“-skeptisch.
Nein!- Ich bin sehr – ultra – über-SKEPTISCH!!

Denn wir sprechen hier nicht über irgendeinen Science-Fiction-Roman, den man mal eben nehmen, modernisieren und mit ein paar Neonlichtern, holografischen Werbetafeln und Menschen in schwarzen Lederjacken versehen kann.
Wir sprechen von William Gibsons „Neuromancer“. – Von DEM Cyberpunk-Roman.
Von dem Roman, der das Genre erfunden hat – wortwörtlich!
Das ist kein beliebiger Stoff. Das ist ein Fundament. Ein Heiligtum. Ein Roman, dessen Ideen, Bilder und Begriffe bis heute in unzähligen Filmen, Serien, Spielen und Büchern nachhallen.

An so etwas sollte man nicht einfach herangehen, weil irgendein Studio gerade festgestellt hat, dass Cyberpunk wieder gut aussieht und sich wahrscheinlich hervorragend vermarkten lässt.
Einen solchen Stoff sollte man mit Samthandschuhen anfassen. Mit Respekt. Mit Verständnis für die Vorlage. Und vor allem mit dem klaren Ziel, eine Verfilmung zu erschaffen, die dem Roman gerecht wird.
Oder man sollte es ganz lassen.

Natürlich gibt es Leute, die dann sagen: „Aber schau dir doch ‘The Lord of the Rings’, ‘Harry Potter’ oder ‘Game of Thrones’ bis Staffel 4 an. Das sind doch auch Verfilmungen, die ihren Vorlagen gerecht werden.“
Ja. Sind sie. Aber sie sind auch zu einer anderen Zeit entstanden.
In der heutigen Welt der von Marketingabteilungen, Zielgruppenanalysen und Gewinnoptimierung gesteuerten Produktionen würden viele dieser Filme und Serien vermutlich nicht mehr in derselben Form entstehen.
Heute muss alles möglichst viele Zielgruppen gleichzeitig ansprechen. Niemand darf verschreckt werden. Jeder Charakter braucht einen klaren Marketingwert. Jede Ecke muss abgeschliffen werden. Alles muss zugänglicher, größer, schneller und einfacher werden.
Am Ende entsteht dann häufig etwas, das technisch teuer und optisch beeindruckend aussieht, aber nichts mehr von dem besitzt, was die Vorlage eigentlich besonders gemacht hat. Siehe „Rings of Power“.
Okay, „Neuromancer“ ist zumindest bei Apple TV gelandet.
Das ist wahrscheinlich einer der wenigen Punkte, die mich überhaupt etwas beruhigen. Apple TV hat mit „For All Mankind“ eine der besten Serien der letzten Jahre produziert. Sie haben also zumindest bewiesen, dass sie anspruchsvolle Science-Fiction umsetzen können, ohne sofort alles in einen beliebigen Effekt-Zirkus zu verwandeln.

Aber trotzdem bleibe ich skeptisch. Sehr skeptisch. Ultra-skeptisch. Über-SKEPTISCH!!
Und ehrlich gesagt weiß ich nicht einmal, ob ich mir die Serie überhaupt ansehen werde.
Denn manchmal ist es besser, eine geliebte Geschichte so im Kopf zu behalten, wie man sie beim Lesen erlebt hat, statt dabei zuzusehen, wie eine Adaption sie Stück für Stück zerlegt.

Aber kommen wir zum Teaser.

Und ich muss leider sagen:
Er fühlt sich besser an, als ich befürchtet habe. – Ja, leider.
Denn eigentlich wäre es einfacher gewesen, wenn der Teaser einfach nur schlecht ausgesehen hätte. Dann hätte ich sagen können: „Okay, genau das habe ich erwartet“, und das Thema wäre für mich erledigt gewesen.
Aber so einfach macht es mir der Teaser nicht.

Das, was man von der Welt sieht, wirkt tatsächlich wie Cyberpunk.
Nicht bloß wie eine Hochglanzstadt mit Neonreklame, die irgendein Produzent für Cyberpunk hält, sondern wie eine Welt, die zumindest eine gewisse Nähe zu Gibsons Vorstellungen besitzt.
Dreckig, künstlich, fremdartig und gleichzeitig seltsam vertraut.

Auch die Effekte, besonders die Darstellung der Cyberspace-Matrix, sehen gut aus. Schön oldschool.
Nicht zu sauber. Nicht zu modern. Nicht wie irgendein austauschbares digitales Interface aus einem aktuellen Superheldenfilm. Der Cyberspace wirkt abstrakt und künstlich. So, als würde man tatsächlich in eine fremde digitale Welt eintauchen und nicht einfach nur auf ein besonders teures Computerdisplay schauen. Das gefällt mir.
Und ja, es ärgert mich ein bisschen, dass es mir gefällt.

Auch viele der gezeigten Szenen kann ich zuordnen. Zumindest glaube ich, sie zuordnen zu können. Es ist schließlich etwas länger her, dass ich den Roman gelesen habe. Aber vieles wirkt vertraut. Man sieht, dass sich zumindest jemand mit der Vorlage beschäftigt hat. Das ist heute leider nicht mehr selbstverständlich.

Dann kommen wir zu den Hauptcharakteren. Und da wird es kompliziert. Denn sie passen leider nur fast.

Armitage passt, soweit man das anhand der wenigen Bilder beurteilen kann, sehr gut. Er hat diese kontrollierte, kühle und gleichzeitig leicht unheimliche Ausstrahlung, die ich bei der Figur erwarte.
Bei ihm hatte ich sofort das Gefühl: Ja, das könnte funktionieren.

Und dann ist da Molly. Molly ist spot-on. Wirklich.
Sie sieht aus, als wäre sie direkt aus dem Roman in die Serie gestiegen.
Die Haltung, der Blick, die Ausstrahlung – das passt. Da hat sich das Team sichtbar Mühe gegeben. Vermutlich auch, weil ihnen völlig klar ist, dass Molly eine der Figuren ist, auf die die Fans ganz besonders genau achten werden. Bei einem Charakter wie Molly kann man sich keine halbherzige Interpretation erlauben. Und zumindest optisch scheint man das verstanden zu haben.

Was uns zu Case bringt.
Und genau hier fällt für mich alles wieder auseinander.
Wie ich schon öfter gesagt habe: Callum Turner ist zu alt für die Rolle. Und jetzt, nachdem man ihn tatsächlich als Case sehen kann, fällt es noch viel stärker auf.
Case ist im Roman ungefähr 24 Jahre alt – Vierundzwanzig.
Er ist jung. Kaputt, verbraucht und innerlich ausgebrannt, ja – aber trotzdem jung. Genau darin liegt ein wichtiger Teil seiner Figur. Er ist nicht irgendein abgeklärter Mann, der schon seit Jahrzehnten mit seinem Leben hadert. Er ist ein junger Mensch, der sich bereits selbst zerstört hat.
Das ist ein Unterschied.
Und dann besetzt man die Rolle mit einem Schauspieler, der 35 ist und auch wie 35 aussieht.
Das ist kein Michael-J.-Fox-Effekt, bei dem ein deutlich älterer Schauspieler problemlos als wesentlich jüngere Figur durchgeht.
Callum Turner sieht aus wie ein erwachsener Mann Mitte dreißig. Und Case sollte nach meiner Meinung nicht wie ein erwachsener Mann Mitte dreißig aussehen.
Natürlich habe ich nichts gegen Callum Turner als Person. Und ich sage auch nicht, dass er ein schlechter Schauspieler ist. Darum geht es überhaupt nicht. Er passt für mich einfach nicht in diese Rolle. – Überhaupt nicht.

Und das ist besonders frustrierend, weil der Rest erstaunlich gut aussehen könnte.

Bei Szenen mit Molly, Armitage und den anderen Figuren bin ich sofort in dieser Welt. Für ein paar Sekunden denke ich: Okay, vielleicht haben sie es tatsächlich verstanden. Vielleicht könnte das wirklich „Neuromancer“ sein. Und dann erscheint Case. Und sofort bin ich wieder draußen. Komplett. Die Illusion ist weg.
Das „Neuromancer“-Gefühl, das sich gerade langsam aufgebaut hat, bricht augenblicklich zusammen.
Es ist, als würde mein Kopf bei jeder Szene sagen: Das ist nicht Case. Das ist ein Schauspieler Mitte dreißig, der als Case verkleidet wurde.
Vielleicht ist das unfair. Vielleicht funktioniert es in der fertigen Serie besser. Vielleicht überzeugt Turner durch sein Spiel so sehr, dass ich das Alter irgendwann ausblenden kann. Aber nach diesem Teaser kann ich das noch nicht.

Fazit:
Ich bin positiv überrascht. Sehr positiv sogar.
Zumindest optisch. Die Welt sieht besser aus, als ich erwartet habe. Die Cyberspace-Matrix funktioniert. Viele der Bilder wirken tatsächlich so, als könnten sie aus einer ernst gemeinten „Neuromancer“-Adaption stammen.
Besonders Mollys Darstellung hat mich überrascht. Die Macher scheinen doch zu wissen, was die Fans sehen wollen und worauf sie bei diesen Figuren achten.
Das macht mir Hoffnung.
Und genau deshalb stört mich die Besetzung von Case umso mehr.

Wäre der gesamte Teaser schlecht, könnte ich die Serie einfach abschreiben. Aber der Teaser sieht nicht schlecht aus. Im Gegenteil.
Er sieht an vielen Stellen verdammt vielversprechend aus. Und dann ist da Callum Turner als Case – und reißt mich jedes Mal hart aus der Welt heraus.

Vielleicht geht das nur mir so. Vielleicht stört sich niemand sonst daran.

Aber für mich ist Case nicht irgendeine Nebenfigur, über deren Besetzung man hinwegsehen kann. Er ist das Zentrum der Geschichte. Wenn Case für mich nicht funktioniert, dann hat die gesamte Serie ein Problem.

Warten wir ab, was ein richtiger Trailer zeigt und wie die Serie aussieht, wenn sie im Januar erscheint.

Vielleicht werde ich positiv überrascht. Vielleicht wird Callum Turner mich überzeugen. Aber im Moment befürchte ich, dass das Case-Problem bleiben wird.

Und ausgerechnet bei „Neuromancer“ ist das kein kleines Problem.

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