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60 Jahre Star Trek

Persönliches Logbuch

Am 8. September 2026 wird Star Trek sechzig Jahre alt. Sechs Jahrzehnte seit dem amerikanischen Fernsehstart, sechs Jahrzehnte voller fremder Welten, großer Ideen und Figuren, die für viele von uns weit mehr geworden sind als Unterhaltung. Eigentlich ein Anlass, die Gläser zu heben und den Warpantrieb anzuwerfen. Ich stoße durchaus mit an. Allerdings feiere ich etwas, dessen heutige Fortsetzung mich vor allem daran erinnert, wie weit eine Marke sich von dem entfernen kann, was sie einmal ausgezeichnet hat. Das 60. Jubiläum ist für mich deshalb ebenso eine Geburtstagsfeier wie eine Bestandsaufnahme nach einem sehr langen Abschied.

Meine Reise begann 1972 mit „Strahlen greifen an“. Ich war acht, musste die Enterprise gegen die Sportschau meines Vaters durchsetzen und bekam anschließend ordentlich Angst. Die Vorstellung, diese Strahlen könnten nachts durchs Fenster kommen, beschäftigte mich länger als der Streit ums Fernsehprogramm. Über Comics im Zack-Magazin und die Zeichentrickserie näherte ich mich Trek wieder an. Bei den Wiederholungen Ende der Siebziger war ich schließlich bereit. Gemeinsam mit Star Wars hatte mich die Enterprise endgültig für Science-Fiction gewonnen.

Unendliche Möglichkeiten

Was mich an Star Trek festhielt, lässt sich nicht auf Raumschiffe und Phaser reduzieren. Entscheidend war die Vorstellung, dass Menschen sich weiterentwickeln können. Dass eine Zukunft denkbar ist, in der Wissen mehr zählt als Besitz und eine unbekannte Lebensform zunächst eine Frage aufwirft, bevor jemand die Waffen lädt. Die Enterprise konnte in Schwierigkeiten geraten, ohne dass damit gleich die gesamte Idee einer besseren Gesellschaft widerlegt war. Ihre Besatzung sollte Schwierigkeiten durch Kompetenz, Neugier und Zusammenarbeit bewältigen. Allein dieser Anspruch gab den Abenteuern eine Richtung, die über das nächste Gefecht hinausreichte.

Natürlich war das nie durchgehend brillant. TOS hatte alberne Geschichten, hölzerne Momente und Ansichten, denen man ihr Alter deutlich ansieht. Auch TNG brauchte Anlauf und produzierte genügend Folgen, die niemand auf eine einsame Insel mitnehmen muss. Aber selbst dort, wo die Umsetzung scheiterte, blieb häufig eine interessante Frage übrig. Was macht eine Person aus? Wie weit reicht unsere Verantwortung? Wann wird Hilfe zur Einmischung? Ich brauche keine makellose Vergangenheit, um zu erkennen, dass solche Fragen ein tragfähigeres Fundament bilden als eine weitere Bedrohung, die angeblich alles vernichten wird.

Kurswechsel Voraus

Mit TNG erreichte meine Begeisterung neue Höhen. Bei den Kinofilmen wechselten sich für mich Höhepunkte wie „The Undiscovered Country“ und „First Contact“ mit Enttäuschungen ab. Voyager wirkte zu oft wie vertraute Routine. Enterprise schwankte stark, zeigte aber gerade in der vierten Staffel noch einmal, wie viel möglich war. Gleichzeitig erweiterten Serien wie „Battlestar Galactica“ und „Firefly“ meinen Science-Fiction-Horizont. Irgendwann war ich kein Hardcore-Trekkie mehr, sondern ein Fan des Genres, für den Star Trek einen besonderen Platz behielt, ohne automatisch den ersten zu belegen.

Mit zeitlichem Abstand betrachte ich auch die eigene Begeisterung nüchterner. Nicht jede Folge wird besser, nur weil ich sie als Jugendlicher großartig fand. Manche Dialoge wirken heute umständlich, manche Konflikte werden zu bequem aufgelöst. Diese Ernüchterung halte ich allerdings für gesund. Wer frühere Schwächen anerkennt, muss deshalb heutige Schwächen nicht schönreden. Gerade weil ich meinen Maßstab inzwischen auch an die alten Serien anlege, überzeugt mich das bequeme Argument nicht, jede Kritik am neuen Trek sei bloß Nostalgie. Ich verlange keine Rückkehr zu Studiokulissen von 1966. Ich verlange Geschichten, die auch ohne meine Kindheitserinnerungen funktionieren.

Dominion Voraus

Bei Deep Space Nine gehört zu dieser Ehrlichkeit eine deutliche Korrektur meines Urteils. Ich habe die Serie lange als zu zäh empfunden und gerade mit den ausgedehnten Entwicklungen wenig anfangen können. Aus heutiger Sicht finde ich besonders die Folgen um den Dominion-Krieg längst nicht mehr so schlecht wie damals. Mehr noch: In diesem Teil von DS9 steckt eine erzählerische Stärke, die ich seinerzeit unterschätzt habe. Die Serie nimmt sich Zeit dafür, dass Entscheidungen Voraussetzungen und Folgen haben. Loyalitäten verändern sich, Überzeugungen geraten unter Druck, und Menschen tragen ihre Erfahrungen in die nächste Geschichte mit.

Interessant ist dabei für mich weniger das Kriegsspektakel als die Belastungsprobe für die Föderation. Es ist leicht, Prinzipien zu vertreten, solange ihre Einhaltung nichts kostet. DS9 fragt, was von ihnen bleibt, wenn Niederlagen, Angst und Verlust die bequemeren Antworten zerstören. Die Dunkelheit bekommt dadurch einen konkreten Gegenstand: Figuren müssen entscheiden, welche Grenzen sie überschreiten und wie sie anschließend mit sich selbst leben. Nicht jede Episode gelingt, und manche Länge bleibt für mich eine Länge. Aber die entscheidenden Konflikte haben Gewicht. Genau deshalb kann ich diesen Teil von Trek heute erheblich mehr schätzen, als ich es früher getan habe.

Im Mondlicht

Über allem steht dabei „In the Pale Moonlight“. Für mich ist das eine der besten TV-Folgen aller Zeiten. Nicht bloß innerhalb von DS9, nicht bloß innerhalb von Star Trek und ausdrücklich nicht bloß innerhalb der Science-Fiction. Ich meine Fernsehen insgesamt, über Genregrenzen hinweg. Diese Folge braucht keinen wohlwollenden Fanbonus. Ihre Stärke liegt darin, wie präzise sie einen Menschen dabei beobachtet, seine moralischen Grenzen Stück für Stück zu verschieben, während er weiterhin Gründe dafür findet, sich selbst als verantwortlich handelnden Menschen zu verstehen.

Sisko will die Romulaner in den Krieg gegen das Dominion hineinziehen und lässt sich dafür auf Garaks Methoden ein. Aus dem vermeintlich begrenzten Kompromiss wird eine Entwicklung aus Täuschung, Schuld und tödlichen Konsequenzen. Am Ende steht kein sauberer Freispruch. Sisko muss mit seiner Beteiligung leben und löscht sein persönliches Logbuch. Die moralische Zuspitzung der Episode trifft mich gerade deshalb, weil das Ergebnis politisch nützlich ist. Die Geschichte verweigert mir die bequeme Möglichkeit, Erfolg einfach mit moralischer Richtigkeit gleichzusetzen.

Was mich daran begeistert, ist die Disziplin des Erzählens. Die Folge verfolgt ihren Konflikt, statt ihn unter immer neuen Enthüllungen zu begraben. Garak muss nicht durch große Reden interessant gemacht werden; seine Handlungen und Siskos Reaktionen reichen. Ich kann Siskos Verzweiflung nachvollziehen und trotzdem vor seinen Entscheidungen zurückschrecken. Diese Spannung bleibt nach dem Abspann bestehen. Wenn ich wissen will, ob düsteres Star Trek funktionieren kann, brauche ich deshalb keine Grundsatzdiskussion. Ich brauche nur diese Folge einzulegen.

Kelvin Bruch

Das Ende dessen, was ich als mein Star Trek empfunden habe, kam für mich bereits mit der Kelvin-Timeline. Der Neustart von 2009 war der entscheidende Bruch. Die bekannten Namen waren da, die Enterprise war da, und auf der Leinwand herrschte reichlich Bewegung. Trotzdem hatte ich zunehmend das Gefühl, einer Actionreihe zuzusehen, die sich vertraute Uniformen angezogen hatte. Tempo wurde zum Selbstzweck. Figuren mussten möglichst schnell an ihre bekannten Positionen gelangen, während die Geschichten vor allem den nächsten spektakulären Moment vorbereiteten. Für das sorgfältige Entwickeln einer Idee blieb mir zu wenig Raum.

Dabei habe ich überhaupt nichts gegen Action in Star Trek. Ein Gefecht kann großartig sein, wenn ich verstehe, was die Beteiligten riskieren, welche Möglichkeiten ihnen bleiben und warum sie sich so entscheiden. Mich stört, wenn Geschwindigkeit diese Arbeit ersetzen soll. Ebenso wenig reicht es mir, bekannte Namen und emotionale Erinnerungen neu anzuordnen und darauf zu vertrauen, dass die alte Bedeutung automatisch mitgeliefert wird. Ein Film muss sich seine Wirkung selbst erarbeiten. Die Kelvin-Filme haben mir zu oft Wiedererkennung als Tiefe und Dauerbewegung als Spannung verkauft. Das war für mich keine überzeugende Erneuerung, sondern eine inhaltliche Verarmung mit größerem Effektebudget.

Letztes Notsignal

Trotzdem war die Hoffnung damals noch nicht vollständig verschwunden. Ich konnte mir einreden, dass das Kino eben seine eigene Richtung eingeschlagen hatte. Vielleicht würde eine neue Fernsehserie wieder mehr Platz für Ideen, glaubwürdige Beziehungen und Geschichten schaffen, die nicht ständig ihren eigenen Puls überbieten müssen. Star Trek war schließlich im Fernsehen gewachsen. Dort hätte es wieder lernen können, einem Gespräch zu vertrauen und einen Konflikt länger als bis zur nächsten Explosion ernst zu nehmen.

Bis Discovery blieb deshalb die Möglichkeit, dass der Bruch mit Kelvin nicht endgültig sein musste. Diese Hoffnung war keine Forderung nach einer TNG-Kopie. Eine neue Crew, andere Erzählformen und ein veränderter Blick auf die Föderation hätten mich durchaus interessieren können. DS9 zeigt mir inzwischen sogar besonders deutlich, wie produktiv ein solcher Perspektivwechsel sein kann. Aber Veränderung muss sich durch ihre Ergebnisse rechtfertigen. Als Discovery kam, wartete ich auf Geschichten, die mir zeigen würden, weshalb Star Trek diese neue Form brauchte. Was ich bekam, machte aus dem Zweifel eine Absage.

Struktureller Kollaps

Deshalb formuliere ich es zum Sechzigsten ohne diplomatische Polsterung: Star Trek seit Discovery ist für mich nicht mehr Star Trek. Das Logo existiert weiter, die Rechte liegen irgendwo, die Uniformen tragen vertraute Abzeichen. Erzählerisch ist daraus für mich zu oft eine teure Attrappe geworden. Die Serie fordert Bedeutung ein, wo sie Zusammenhänge entwickeln müsste, und verlangt emotionale Anteilnahme, bevor sie diese ausreichend verdient hat. Mein Problem ist nicht, dass mir Veränderungen zugemutet werden. Mein Problem ist, dass mir schlechte Geschichten als große Weiterentwicklung verkauft werden.

Discovery steht für mich exemplarisch für diese Fehlentwicklung. Die ständige Eskalation stumpft ab: Wenn erneut alles auf dem Spiel steht, wächst dadurch nicht automatisch meine Sorge um die Figuren. Überraschungen verlieren ihren Reiz, wenn ich immer weniger darauf vertraue, dass die Auflösung zur vorher aufgebauten Frage passt. Auch die starke Konzentration auf Michael Burnham schwächt für mich das Ensemble. Eine Sternenflottencrew sollte aus Menschen bestehen, deren Fähigkeiten und Entscheidungen gemeinsam etwas bewirken. Zu oft wirkt sie hier wie das Umfeld einer Hauptfigur, deren besondere Bedeutung die Erzählung unablässig bestätigen muss.

Besonders deutlich wird mein Problem beim „Burn“. Discovery verknüpft diese gewaltige Katastrophe mit Su’Kal und dessen außergewöhnlicher Verbindung zum Dilithium; sein emotionaler Ausnahmezustand erhält dadurch galaktische Folgen. Die Serie liefert dafür eine Erklärung innerhalb ihrer Handlung. Mich überzeugt diese Auflösung trotzdem nicht. Nach einem derart großen Aufbau empfinde ich sie als dramaturgisch groteskes Missverhältnis zwischen Rätsel und Antwort. Natürlich darf Science-Fiction Unwahrscheinliches erzählen. Aber eine erfundene Erklärung wird nicht allein dadurch zu einer befriedigenden Geschichte, dass jemand sie mit wissenschaftlich klingenden Begriffen versieht.

Diagnose Drehbuch

Damit keine falsche Debatte daraus wird: Mein Problem heißt nicht Politik, nicht Agenda und nicht „woke“. Mich interessiert weder die Hautfarbe auf dem Captain’s Chair noch, wen ein Crewmitglied liebt. Daran scheitert für mich keine Geschichte. Sie scheitert an unglaubwürdigen Entscheidungen, schwachen Dialogen, beliebigen Regeln und Konflikten, die nach Bedarf erzeugt und wieder weggeräumt werden. Wer darauf mit einem Kulturkampfetikett antwortet, redet an meiner Kritik vorbei. Ein schlechtes Drehbuch wird durch progressive Inhalte nicht gut. Es würde durch konservative Inhalte genauso wenig besser.

Auch Gefühle sind nicht das Problem. Ich möchte mit Figuren mitfühlen. Dafür muss ich sie allerdings kennenlernen, ihre Beziehungen verstehen und erleben, warum ein bestimmter Augenblick sie verändert. Wenn Musik, Tränen und bedeutungsschwere Ansprachen die emotionale Arbeit übernehmen sollen, werde ich ungeduldig. DS9 bringt mich dazu, über Siskos Selbstrechtfertigung nachzudenken. Discovery sagt mir zu häufig, wie überwältigend ich gerade alles finden soll. Diesen Unterschied kann keine noch so aufwendige Produktion kaschieren. Millionen auf dem Bildschirm ersetzen keinen überzeugenden Grund dafür, dass eine Figur den Mund aufmacht oder eine Entscheidung trifft.

Meine harte Absage gilt der seit Discovery eingeschlagenen Richtung. Daraus folgt nicht, dass jede spätere Szene misslungen sein muss oder niemand mehr einen guten Einfall haben kann. Aber einzelne Treffer reparieren für mich keinen grundlegenden Vertrauensverlust. Bekannte Brücken, vertraute Gesichter und liebevolle Anspielungen reichen dafür ebenfalls nicht. Ich möchte nach einer Folge über ihre Idee sprechen können, nicht nur darüber, was ich wiedererkannt habe. Wenn eine Marke hauptsächlich von der Bedeutung zehrt, die frühere Geschichten aufgebaut haben, verbraucht sie ihr Erbe. Genau diesen Verbrauch sehe ich inzwischen zu oft dort, wo Star Trek draufsteht.

Kurs Nach Vorn

Was feiere ich also nach sechzig Jahren? Ich feiere die Neugier, die diese Serie in mir geweckt hat, und eine Zukunftsvorstellung, die sich nicht für Hoffnung schämte. Ich feiere Figuren, deren Entscheidungen mich beschäftigt haben, und Geschichten, die auch bei erneutem Ansehen mehr bieten als den Wiedererkennungseffekt. Dazu gehört inzwischen ausdrücklich ein anderer Blick auf DS9. Dass ich mein Urteil darüber ändern kann, ist mir wichtiger als die Vorstellung, als Fan immer schon recht gehabt zu haben. Gute Geschichten dürfen mich auch verspätet überzeugen.

Für mich kam das Ende mit Kelvin. Bis Discovery blieb noch Hoffnung, doch Discovery hat sie verspielt. Das ist ein bitterer Satz zum Geburtstag, aber ein ehrlicher. Sechzig Jahre Geschichte verpflichten mich nicht dazu, jede neue Produktion zu beklatschen. Sie zeigen vielmehr, was unter diesem Namen möglich ist und welchen Maßstab sich seine Fortsetzungen gefallen lassen müssen. Herzlichen Glückwunsch also, Star Trek. Für alles, was du mir gegeben hast. Solltest du eines Tages wieder Geschichten erzählen, die diesen Namen für mich ausfüllen, werde ich zuhören. Bis dahin setze ich lieber eine gute alte Folge auf – und fliege mit Sisko dorthin, wo selbst das richtige Ergebnis einen Menschen nicht von seiner Schuld befreit.

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