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ArtCraft – der Adobe- und Microsoft-Killer?

ArtCraft – der Adobe- und Microsoft-Killer?

ArtCraft – der Adobe- und Microsoft-Killer? Ein erster Praxistest und viele offene Fragen

Ist ArtCraft tatsächlich dabei, Adobe und Microsoft das Wasser abzugraben, oder erleben wir gerade einen riesigen AI-Hype, der am Ende deutlich weniger revolutionär ist, als es zunächst scheint? Diese Frage beschäftigt derzeit große Teile der Kreativ- und Software-Community. Innerhalb kürzester Zeit ist ein Projekt ins Rampenlicht gerückt, das nicht weniger verspricht, als einige der bekanntesten und leistungsfähigsten Programme der Softwarewelt mit AI-Unterstützung nachzubauen – kostenlos, als Open Source und plattformübergreifend.

Als jemand, der seit fast 30 Jahren semiprofessionell mit Adobe Photoshop arbeitet, musste ich mir das natürlich genauer ansehen. Nicht zuletzt deshalb, weil Photoshop tatsächlich eines der wenigen Programme ist, die mich bis heute an Windows binden. Wäre da nicht meine Abhängigkeit von Photoshop und einigen wenigen anderen Anwendungen, wäre ich vermutlich schon längst vollständig auf Linux umgestiegen.

Die Vorstellung, endlich eine ernsthafte Photoshop-Alternative zu bekommen, die unter Linux läuft und mir gleichzeitig meine gewohnten Arbeitsabläufe bietet, ist für mich entsprechend reizvoll. Allerdings habe ich in den vergangenen Jahrzehnten schon viele vermeintliche „Photoshop-Killer“ kommen und gehen sehen. Entsprechend neugierig, aber auch skeptisch bin ich an ArtCraft herangegangen.

Mein erster Praxistest: PhotoCraft, FilmCraft und PdfCraft

Ich habe mir zunächst drei Programme aus der ArtCraft-Familie angesehen: PhotoCraft als Photoshop-Alternative, FilmCraft als Gegenstück zu Adobe Premiere Pro und PdfCraft als möglichen Ersatz für Adobe Acrobat. Alle drei habe ich in der Version 0.7.0 getestet.

Dabei muss ich gleich einschränken, dass es sich um einen ersten Praxiseindruck handelt und nicht um einen systematischen Funktionstest. Ich habe weder sämtliche Werkzeuge noch alle möglichen Anwendungsfälle durchgespielt. Gerade bei einer Software, die sich noch in einem so frühen Entwicklungsstadium befindet, wäre es deshalb voreilig, bereits ein endgültiges Urteil abzugeben.

Die meiste Zeit habe ich erwartungsgemäß mit PhotoCraft verbracht, denn hier kann ich aufgrund meiner langjährigen Photoshop-Erfahrung am besten beurteilen, was die Software bereits leistet und wo ihre Grenzen liegen.

PhotoCraft: Verblüffend vertraut, aber noch lange kein aktuelles Photoshop

Das Erste, was bei PhotoCraft auffällt, ist die Benutzeroberfläche. Sie ist Photoshop nicht einfach nur ähnlich, sondern orientiert sich in weiten Teilen so stark am Original, dass man sich als langjähriger Photoshop-Nutzer praktisch sofort zurechtfindet.

Einige Menüpunkte heißen anders, manche Funktionen sind an leicht veränderten Stellen zu finden und hier und da wirken Bezeichnungen noch etwas ungewohnt. Ob das teilweise an Übersetzungen liegt oder bewusst anders umgesetzt wurde, kann ich nicht beurteilen. Wirklich störend fand ich diese Unterschiede jedenfalls nicht. Wer Photoshop kennt, wird sich in PhotoCraft erstaunlich schnell heimisch fühlen.

Und das ist aus meiner Sicht eine der größten Stärken des Projekts. Bei einem Wechsel zu einer anderen Bildbearbeitungssoftware ist nämlich nicht nur entscheidend, welche Funktionen vorhanden sind. Mindestens genauso wichtig ist, wie schnell man diese Funktionen findet und ob man seine gewohnten Arbeitsabläufe beibehalten kann.

Genau daran scheitern für mich viele Alternativen, allen voran GIMP. Es mag technisch in vielen Bereichen leistungsfähig sein, aber die Bedienung und die dahinterstehende Philosophie unterscheiden sich teilweise erheblich von Photoshop. Wer jahrzehntelang mit Adobe gearbeitet hat, muss sich erst einmal umgewöhnen, und das kostet Zeit und Nerven.

PhotoCraft geht hier einen völlig anderen Weg. Statt das Rad neu erfinden zu wollen, versucht es, die vertraute Photoshop-Arbeitsumgebung möglichst genau nachzubilden. Das ist vielleicht nicht besonders originell, aus Anwendersicht aber durchaus sinnvoll.

Funktional erinnert mich PhotoCraft derzeit eher an Photoshop 2020

Was den Funktionsumfang betrifft, fällt mein bisheriges Urteil allerdings deutlich zurückhaltender aus. Mein persönlicher Eindruck ist, dass sich PhotoCraft derzeit ungefähr auf dem Niveau eines älteren Photoshop bewegt, grob gesagt in Richtung Photoshop 2020. Das ist ausdrücklich keine gemessene Funktionsgleichheit, sondern meine subjektive Einschätzung anhand der bislang getesteten Werkzeuge.

Viele klassische Funktionen der Bildbearbeitung sind bereits vorhanden oder zumindest ansatzweise umgesetzt. Dazu gehören unter anderem die Arbeit mit Ebenen, Masken, Korrekturen und verschiedenen Filtern. Für zahlreiche alltägliche Aufgaben kann das bereits völlig ausreichen.

Der entscheidende Unterschied zeigt sich jedoch, sobald man PhotoCraft mit einer aktuellen Photoshop-Version vergleicht. Adobe hat seine Software in den vergangenen Jahren massiv weiterentwickelt, insbesondere durch intelligente Auswahlwerkzeuge, AI-gestützte Bildbearbeitung und generative Funktionen.

Dabei geht es längst nicht mehr nur darum, störende Objekte aus einem Bild zu entfernen oder einen Hintergrund auszutauschen. Ganze Bildbereiche lassen sich generieren, erweitern und verändern, teilweise allein durch eine kurze Textbeschreibung. Hinzu kommen intelligente Werkzeuge, die auf dem lokalen Rechner arbeiten, und cloudbasierte AI-Funktionen, die direkt in den Photoshop-Workflow integriert sind.

Wer sich einmal an diese Möglichkeiten gewöhnt und seine Arbeitsweise darauf abgestimmt hat, möchte sie kaum noch missen. Gerade bei komplexeren Retuschen oder aufwendigen Bildmontagen können solche Funktionen enorm viel Zeit sparen.

Und genau hier liegt für mich derzeit die größte Schwäche von PhotoCraft. Zwischen einer gelungenen Nachbildung klassischer Photoshop-Funktionen und einem vollwertigen Ersatz für ein modernes, AI-gestütztes Photoshop liegt ein gewaltiger Unterschied.

Für wen lohnt sich PhotoCraft schon heute?

Trotz dieser Kritik sehe ich durchaus eine Zielgruppe, für die PhotoCraft bereits interessant sein könnte. Wer hauptsächlich klassische Bildbearbeitung betreibt, Fotos korrigiert, einfache Montagen erstellt oder mit Ebenen und Masken arbeitet, sollte sich das Programm auf jeden Fall einmal ansehen.

Besonders interessant dürfte es für Anwender sein, die bisher GIMP oder Corel PHOTO-PAINT nutzen oder seit Jahren an einer alten Photoshop-Version ohne Abo festhalten. Für diese Nutzer könnte PhotoCraft mittelfristig eine ausgesprochen attraktive Alternative werden. Dass es kostenlos, quelloffen und auch unter Linux verfügbar ist, macht das Angebot zusätzlich interessant.

Für professionelle und semiprofessionelle Anwender, deren Arbeitsabläufe auf die Möglichkeiten aktueller Photoshop-Versionen ausgerichtet sind, sehe ich derzeit hingegen noch keinen vollwertigen Ersatz. Hier zählen nicht nur die Anzahl der Werkzeuge und eine vertraute Oberfläche, sondern auch Zuverlässigkeit, Performance, Dateikompatibilität und die Qualität der Ergebnisse.

Ein weiterer Punkt ist die langfristige Kompatibilität mit vorhandenen Projekten. Dass eine Software PSD-Dateien öffnen und speichern kann, bedeutet schließlich noch lange nicht, dass komplexe Dokumente mit zahlreichen Ebenen, Smartobjekten, Effekten und besonderen Einstellungen jederzeit verlustfrei übernommen werden. Gerade im professionellen Umfeld ist das keine Nebensache, sondern eine Grundvoraussetzung.

Vielleicht wird sich bis zur Version 1.0 noch einiges ändern. Das Entwicklungstempo ist jedenfalls bemerkenswert, und ich möchte keineswegs ausschließen, dass PhotoCraft in einigen Bereichen schneller aufholt, als ich es momentan erwarte. Trotzdem bleibt meine Einschätzung nach dem bisherigen Test klar: interessant für Hobbyanwender und bestimmte klassische Aufgaben, aber noch keine echte Alternative für anspruchsvolle Photoshop-Workflows.

Wie funktioniert dieses AI-gestützte Reverse Engineering eigentlich?

Mindestens genauso interessant wie die Programme selbst finde ich die Frage, wie sie entstanden sind. Denn der eigentliche Anspruch hinter ArtCraft ist meiner Meinung nach fast noch spektakulärer als die Software, die bisher dabei herausgekommen ist.

Nach Darstellung des Projekts handelt es sich um sogenannte Clean-Room-Reimplementierungen. Vereinfacht gesagt bedeutet das, dass die Programme ohne Übernahme des proprietären Adobe-Quellcodes neu geschrieben werden. Als Programmiersprache kommt Rust zum Einsatz, und bei der Entwicklung werden AI-Coding-Agenten eingesetzt.

Die zugrunde liegende Idee ist zunächst nachvollziehbar. Man untersucht, wie sich eine bestehende Software verhält, welche Eingaben sie verarbeitet und welche Ergebnisse sie produziert. Auf dieser Grundlage entwickelt man eine eigene Implementierung, die sich möglichst genauso verhält wie das Original.

AI-Agenten können diesen Prozess erheblich beschleunigen. Sie können Testfälle erstellen, Eingaben variieren, Ergebnisse vergleichen, Quellcode generieren und anschließend versuchen, festgestellte Unterschiede zu beheben. Im Idealfall wiederholt sich dieser Vorgang so lange, bis die neue Implementierung die untersuchten Testfälle zuverlässig besteht.

Das Prinzip ist keineswegs neu. Reverse Engineering und das Nachbilden von Software anhand ihres beobachtbaren Verhaltens gibt es schon seit Jahrzehnten. Neu ist vor allem die Möglichkeit, große Teile dieser Arbeit mithilfe von AI-Agenten zu automatisieren.

Und genau an dieser Stelle beginnen meine Zweifel.

Kann man Photoshop wirklich durch automatisiertes Testen nachbauen?

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass diese Methode bei vergleichsweise überschaubaren Funktionen gut funktioniert. Nehmen wir eine Gradationskurve, bestimmte mathematisch definierte Filter oder grundlegende Operationen im Ebenensystem. Hier lassen sich Ein- und Ausgaben relativ gut vergleichen, und aus ausreichend vielen Testfällen kann man die zugrunde liegende Logik zumindest annähernd rekonstruieren.

Schwieriger wird es jedoch, sobald Funktionen komplexer werden und zahlreiche Parameter, Abhängigkeiten oder interne Zustände berücksichtigen müssen. Ein Programm verhält sich schließlich nicht immer nur in Abhängigkeit von einer einzelnen Eingabe. Häufig spielen auch vorherige Arbeitsschritte, Dokumenteneinstellungen, Farbräume, Bittiefen, Ebenenstrukturen und andere Faktoren eine Rolle.

Selbst wenn ein nachgebauter Filter bei tausend Testbildern praktisch identische Ergebnisse liefert, bedeutet das noch nicht, dass er bei einer völlig anderen Kombination von Einstellungen genauso funktioniert. Die Anzahl möglicher Kombinationen wächst bei komplexer Software sehr schnell in Dimensionen, die sich auch mit automatisierten Tests kaum vollständig abdecken lassen.

Hinzu kommt, dass zwei Implementierungen bei einfachen Beispielen identische Ergebnisse liefern können, obwohl sie intern völlig unterschiedlich arbeiten. Diese Unterschiede werden möglicherweise erst bei besonderen Eingaben, extremen Bildgrößen oder der Kombination mehrerer Werkzeuge sichtbar. Besonders problematisch sind dabei Seiteneffekte und Abhängigkeiten, die in den ursprünglichen Testfällen gar nicht berücksichtigt wurden.

Noch schwieriger stelle ich mir das bei fortgeschrittenen Funktionen wie inhaltsbasierter Füllung, komplexen Auswahlverfahren oder der intelligenten Rekonstruktion von Bildbereichen vor. Solche Funktionen beruhen teilweise auf ausgefeilten Algorithmen oder trainierten Modellen. Deren Verhalten lässt sich nicht ohne Weiteres allein aus den sichtbaren Ergebnissen rekonstruieren.

Bei generativen AI-Funktionen kommt ein weiteres Problem hinzu: Das Ergebnis muss bei gleicher Eingabe nicht immer identisch sein. Wenn eine Funktion auf großen, proprietären AI-Modellen oder Cloud-Diensten basiert, kann man sie nicht einfach dadurch nachbauen, dass man genügend Ein- und Ausgaben miteinander vergleicht.

Natürlich könnte PhotoCraft stattdessen eigene oder frei verfügbare AI-Modelle integrieren. Auch externe AI-Dienste wären denkbar. Damit ließe sich möglicherweise eine vergleichbare Funktionalität erreichen, aber eben nicht zwangsläufig dieselbe Qualität, Geschwindigkeit oder Integration wie bei Adobe.

Die zentrale Frage lautet für mich deshalb nicht, ob AI-Agenten große Teile von Photoshop nachprogrammieren können. Dass sie dabei erheblich helfen können, zeigt ArtCraft bereits eindrucksvoll. Die viel spannendere Frage ist, ob sich damit auch die letzten, besonders komplexen Prozent der Funktionalität mit vertretbarem Aufwand erreichen lassen.

Denn genau diese letzten Prozent sind häufig diejenigen, die darüber entscheiden, ob eine Software für professionelle Anwender tatsächlich brauchbar ist.

Eine beeindruckende technische Demonstration ist noch kein ausgereiftes Produkt

Man sollte bei aller Begeisterung einen grundlegenden Unterschied nicht übersehen: Es ist eine Sache, in kurzer Zeit ein Programm zu entwickeln, das aussieht und sich in vielen Situationen anfühlt wie Photoshop. Eine ganz andere Sache ist es, eine über Jahre zuverlässige, stabile und durchgängig funktionierende professionelle Anwendung bereitzustellen.

Der eigentliche Aufwand in der Softwareentwicklung steckt oft nicht nur in der ersten Implementierung. Er steckt auch in den unzähligen Sonderfällen, in Fehlerkorrekturen, automatisierten Tests, der Optimierung der Performance und der langfristigen Pflege des Codes.

Gerade bei AI-generiertem Code stellt sich für mich außerdem die Frage nach der Wartbarkeit. Wenn große Mengen Code in sehr kurzer Zeit entstehen, muss trotzdem jemand sicherstellen, dass die Architektur langfristig sinnvoll bleibt, Fehler nicht an anderer Stelle neue Probleme verursachen und die einzelnen Komponenten sauber zusammenspielen.

Rust ist sicherlich eine interessante Wahl und kann insbesondere bei der Speichersicherheit Vorteile bieten. Die Programmiersprache allein garantiert aber weder fehlerfreie Algorithmen noch eine gute Softwarearchitektur. Auch ein vollständig in Rust geschriebenes Programm kann falsche Ergebnisse liefern, Dateien beschädigen oder sich in bestimmten Situationen unerwartet verhalten.

Fairerweise muss man allerdings sagen, dass Open Source hier auch Vorteile bietet. Der Quellcode kann von unabhängigen Entwicklern untersucht, verbessert und getestet werden. Wenn sich eine ausreichend große und aktive Community bildet, könnte daraus langfristig durchaus ein ernst zu nehmendes Projekt entstehen.

Ob das tatsächlich gelingt, lässt sich nach so kurzer Zeit schlicht noch nicht beurteilen.

Was steckt wirklich hinter ArtCraft?

Neben den technischen Fragen beschäftigt mich allerdings noch etwas anderes: Was will das Team hinter ArtCraft eigentlich erreichen?

Bis vor Kurzem war ArtCraft vor allem als AI-Werkzeug für die Erstellung und Bearbeitung von Bildern, Videos und 3D-Szenen bekannt. Das war sicherlich interessant, aber kein Projekt, über das plötzlich die gesamte Kreativ-Community diskutierte.

Und jetzt, praktisch über Nacht, steht ArtCraft im Mittelpunkt einer Diskussion darüber, ob sich große Teile der etablierten Softwarebranche mithilfe von AI nachbauen lassen. Nicht nur Adobe steht dabei im Fokus. Mit WordCraft, GridCraft und DeckCraft gibt es inzwischen auch Projekte, die sich an Microsoft Word, Excel und PowerPoint orientieren.

Die Dimension dieses Vorhabens ist bemerkenswert. Es geht nicht mehr nur darum, eine Alternative zu Photoshop zu entwickeln, sondern gleich eine ganze Familie komplexer Anwendungen bereitzustellen, die teilweise seit Jahrzehnten von großen Entwicklerteams gepflegt und weiterentwickelt werden.

Offiziell verfolgt ArtCraft dabei einen durchaus sympathischen Ansatz: kostenlose, quelloffene Software, weniger Abhängigkeit von proprietären Plattformen und eine Alternative zu den zunehmend verbreiteten Abo-Modellen. Finanziert werden soll die Entwicklung unter anderem durch kostenpflichtige AI-Dienste, während die eigentlichen Desktop-Anwendungen kostenlos bleiben.

Das ist ein nachvollziehbares Geschäftsmodell. Trotzdem frage ich mich, ob diese Erklärung bereits die ganze Geschichte ist.

Ein echtes Open-Source-Projekt oder eine geschickt inszenierte Strategie?

Vielleicht bin ich an dieser Stelle etwas zu misstrauisch, und möglicherweise liege ich mit meinen Überlegungen völlig daneben. Aber wenn ich mir anschaue, wie schnell ArtCraft plötzlich enorme Aufmerksamkeit erhält, stellt sich mir unweigerlich die Frage, ob die Veröffentlichung dieser zahlreichen Programme nicht auch eine sehr bewusst gewählte PR-Strategie ist.

Die Botschaft ist schließlich ausgesprochen medienwirksam: Ein kleines Team baut mithilfe von AI in kürzester Zeit Programme nach, für deren Entwicklung Adobe und Microsoft über Jahrzehnte enorme Ressourcen eingesetzt haben. Das ist eine Geschichte, die praktisch von allein für Schlagzeilen sorgt.

Und genau deshalb frage ich mich, ob es bei ArtCraft tatsächlich ausschließlich darum geht, langfristig ernsthafte Konkurrenzprodukte zu entwickeln. Oder könnte es auch darum gehen, den Wert und die Bekanntheit des eigenen Unternehmens möglichst schnell zu steigern?

Eine mögliche Überlegung wäre, dass man darauf spekuliert, irgendwann von einem großen Unternehmen übernommen zu werden. Für einen Konzern könnte dabei weniger die aktuelle Qualität der Programme interessant sein als die dahinterstehende Technologie, das Entwicklungsteam oder die Aufmerksamkeit, die das Projekt erzeugt.

Eine andere, deutlich spekulativere Frage betrifft mögliche rechtliche Auseinandersetzungen. Wenn Software nicht nur funktional, sondern auch optisch ausgesprochen eng an bekannte kommerzielle Produkte angelehnt ist, könnten sich Fragen zum Schutz der Benutzeroberfläche, zu Markenrechten oder zu anderen Schutzrechten ergeben.

Zwar ist Reverse Engineering nicht grundsätzlich illegal, und eine unabhängig entwickelte Implementierung ist nicht automatisch eine Urheberrechtsverletzung. Daraus folgt aber noch lange nicht, dass jede Form einer nahezu identischen Nachbildung rechtlich unproblematisch wäre. Wie eine konkrete Auseinandersetzung ausgehen würde, hinge stark von den Einzelheiten und der jeweiligen Rechtsordnung ab.

Man könnte deshalb sogar darüber spekulieren, ob ein möglicher Rechtsstreit zusätzliche Aufmerksamkeit erzeugen oder irgendwann in einem Vergleich enden könnte. Allerdings gibt es für die Annahme, ArtCraft würde gezielt auf eine solche Auseinandersetzung hinarbeiten, derzeit keine belastbaren Belege. Das ist ausdrücklich nur ein Gedankenspiel und keine Unterstellung.

Vielleicht ist die Erklärung am Ende tatsächlich viel einfacher: Ein Team möchte beweisen, dass AI-gestützte Softwareentwicklung inzwischen Dinge möglich macht, die vor wenigen Jahren noch kaum vorstellbar gewesen wären. Und vielleicht geht es gar nicht darum, Adobe oder Microsoft vollständig zu ersetzen, sondern zu zeigen, wie schnell sich deren klassische Geschäftsmodelle durch neue Technologien unter Druck setzen lassen.

Auch das wäre bereits bemerkenswert.

Der eigentliche Angriff gilt möglicherweise gar nicht Adobe

Was ich an ArtCraft besonders spannend finde, ist deshalb weniger die Frage, ob PhotoCraft morgen Photoshop ersetzen kann. Viel interessanter ist, welche Auswirkungen diese Art der Softwareentwicklung langfristig haben könnte.

Wenn es tatsächlich gelingt, komplexe Anwendungen mit einem Bruchteil des bisherigen Entwicklungsaufwands nachzubauen, könnte das erhebliche Folgen für die gesamte Softwarebranche haben. Nicht unbedingt sofort für die großen Konzerne, aber möglicherweise für kleinere und mittlere Softwarehersteller, deren Produkte funktional deutlich weniger komplex sind.

Denn der größte Wettbewerbsvorteil etablierter Software besteht häufig nicht nur aus einzelnen Funktionen. Es ist die Kombination aus gewachsenen Arbeitsabläufen, Dateiformaten, Benutzeroberflächen, Ökosystemen und jahrzehntelanger Entwicklungsarbeit. Wenn AI dabei hilft, zumindest Teile dieser Hürden deutlich schneller zu überwinden, könnten ganz neue Wettbewerber entstehen.

Andererseits zeigt gerade Adobe, dass die Entwicklung nicht stehen bleibt. Während ArtCraft versucht, bestehende Funktionen nachzubilden, arbeitet Adobe kontinuierlich an neuen Möglichkeiten und integriert immer weitere AI-Technologien in seine Produkte.

Damit entsteht ein Wettlauf, bei dem die Nachbildung eines heutigen Funktionsumfangs möglicherweise bereits veraltet ist, sobald sie weitgehend fertiggestellt wurde. Ob ArtCraft hier langfristig mithalten kann, bleibt für mich eine der entscheidenden offenen Fragen.

Mein Fazit: Spannend, beeindruckend, aber noch kein Adobe-Killer

Ich werde die Entwicklung von ArtCraft auf jeden Fall weiter beobachten. Das Projekt ist technisch interessant, das bisherige Entwicklungstempo beeindruckend und der Ansatz, vertraute professionelle Anwendungen kostenlos und plattformübergreifend verfügbar zu machen, ausgesprochen reizvoll.

Für mich persönlich sind derzeit vor allem diejenigen Programme interessant, für die ich Adobe-Produkte nur gelegentlich benötige. Insbesondere PdfCraft könnte sich als nützliche Alternative erweisen, wenn es die alltäglichen Aufgaben bei der PDF-Bearbeitung zuverlässig beherrscht. Hier ist meine Bereitschaft, kleinere Einschränkungen in Kauf zu nehmen, deutlich größer als bei Photoshop.

PhotoCraft hat dagegen einen wesentlich schwierigeren Stand. Dafür nutze ich Photoshop schon zu lange und habe meine Arbeitsweise zu stark auf die Möglichkeiten moderner Versionen abgestimmt. Eine vertraute Benutzeroberfläche und ein beachtlicher Umfang klassischer Funktionen reichen mir dafür nicht aus.

Bevor ich auch nur ernsthaft darüber nachdenke, mein Photoshop-Abonnement durch PhotoCraft zu ersetzen, muss das Projekt noch sehr viel mehr liefern. Vor allem bei den fortgeschrittenen Werkzeugen, den AI-Funktionen, der Kompatibilität und der Zuverlässigkeit im täglichen Einsatz.

Vielleicht überrascht mich ArtCraft in den kommenden Monaten eines Besseren. Ich würde mich sogar darüber freuen, denn eine wirklich konkurrenzfähige Photoshop-Alternative unter Linux wäre für mich persönlich ein großer Gewinn.

Stand heute sehe ich in ArtCraft allerdings noch keinen Adobe- oder Microsoft-Killer, sondern vor allem ein faszinierendes Experiment darüber, was AI-gestützte Softwareentwicklung inzwischen möglich macht – und wo ihre Grenzen liegen.

Ob daraus irgendwann eine ernsthafte Konkurrenz für die großen Softwarekonzerne entsteht oder ob sich der gegenwärtige Hype schneller legt, als viele erwarten, bleibt abzuwarten. Für mich ist jedenfalls eines klar: ArtCraft muss jetzt beweisen, dass es nicht nur bekannte Programme beeindruckend schnell nachbauen, sondern daraus auch dauerhaft zuverlässige und konkurrenzfähige Software entwickeln kann.

Denn am Ende entscheidet nicht, wie schnell eine Software geschrieben wurde oder wie ähnlich sie ihrem Vorbild sieht. Entscheidend ist, ob ich damit meine tägliche Arbeit mindestens genauso gut, zuverlässig und effizient erledigen kann.

Und davon ist PhotoCraft nach meinem bisherigen Eindruck noch ein gutes Stück entfernt.

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